by S Alexander Alich, übersetzt von Leonie Werner

Jeder hat ein besonderes Talent. Meine Lehrer sahen darin unseren Lebenszweck oder unsere „Medizin”. Es handelt sich dabei um etwas Einzigartiges, das wir mit in diese Welt bringen, um es auch zum Nutzen anderer einzusetzen. Es kann Jahre dauern, bis man dieses Talent in sich entdeckt – und es wird wahrscheinlich noch länger dauern, bis es auch für andere wahrnehmbar wird. Im Laufe der Bemühungen, dieses Talent in unsere Gemeinschaft einzubringen, begegnet man zahlreichen Herausforderungen und muss sich immer wieder entscheiden, in welche Richtung man geht. Heute möchte ich über eine Entscheidung schreiben, deren Konsequenzen sich auf das ganze weitere Leben auswirken. Ich möchte mein Wissen hierüber weitergeben, damit es denjenigen, die auf dem Weg sind, ein Stück weiterhelfen kann.

Ganz unabhängig davon auf welche Art man spirituell arbeitet, wer man ist, wo man lebt – eines Tages steht man vor einer sehr wichtigen persönlichen Entscheidung. Will man sein Talent in den Dienst der Gemeinschaft und der Erde zum Nutzen aller stellen oder soll es nur für den persönlichen Vorteil eingesetzt werden? Die meisten der Menschen, die ich kenne, antworten ohne zu zögern, dass sie selbstverständlich weitergeben wollen, was ihnen mitgegeben wurde. Doch dies ist in der Praxis nicht so einfach wie es erscheinen mag. Wenn dieses Talent vollständig verwirklicht werden soll, muss eine Art von Opfer erbracht werden, man muss durch einen Sterbeprozess gehen, an dessen Ende der Teil von uns stirbt, der dem Selbstzweck dient. Ohne den „Tod” des Selbstzwecks würden wir weiter versuchen, alte Wege intakt zu halten, und könnten am Ende die eigene Medizin so zurechtbiegen, dass sie nur dem persönlichen Vorteil dient.

Der „Tod” des Selbstzwecks

Das Loslassen der alten Wege oder unserer aus der Kindheit übernommenen Ansichten über die Welt ist eine Art des schamanischen Todes. Es geht nicht um den Tod des Körpers, sondern um alte Verletzungen, Überzeugungen und Gewohnheiten, die man in seinem Herzen und seinem Verstand festhält. Läßt man diese gehen, kann sich das anfühlen wie ein Selbstmord – alles, was man kennt, verschwindet langsam und man weiß nicht, was als nächstes kommt und ob überhaupt etwas nachkommt. In dem so entstandenen leeren Raum kann die Medizin, das Talent, anfangen zu wachsen und wir haben die Möglichkeit wahrzunehmen, wohin wir uns entwickeln. Das liest sich sicher nicht als wäre es ein sehr freudvoller Prozess; das ist es auch nicht, während man hindurchgeht. Ich bestätige meinen Schülern in dieser Phase immer wieder, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Sie haben bereits viel Arbeit investiert, um bis zu diesem Punkt zu kommen, und sie können nur weitergehen, wenn sie sich diesem Prozess anvertrauen. Man kann ihm nicht ausweichen, man muss ihn durchleben.

Sackgassen

„Ich brauche keinen Lehrer und auch keine Hilfe.”

In dieser Zeit ist ein Lehrer wahrscheinlich am wichtigsten für uns. An diesem Punkt des spirituellen Weges sind wir nicht in der Lage, uns selbst klar wahrzunehmen. Unser Potential hat sich noch nicht voll entwickelt und die alten Strukturen sind noch nicht völlig gestorben. Hier ist es wirklich wichtig, von jemandem begleitet zu werden, der diesen Abschnitt auf seinem Weg schon durchlaufen hat und uns weiter durch den Prozess führen kann.

„Ich glaube, ich habe es schon geschafft.”

Doch der Prozess ist noch nicht beendet.

Man glaubt, man hat das Ziel erreicht und viele von uns bleiben hier stehen. Ich glaube, es sieht aus wie das Ende des Weges, weil es für einige von uns genau das bedeutet. Denn um uns weiterentwickeln zu können, müssen wir unsere alten Handlungsmuster loslassen. Das kann sehr viel Angst auslösen.

„Ich weiß jetzt genug.”

Ich kenne viele Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt entschieden haben, nach außen zu gehen und zu lehren, so dass ihr Talent ihnen Geld oder Ruhm bringen kann. Meiner Erfahrung nach wird das Universum uns manchmal in schwierige Situationen manövrieren, um herauszufinden, ob wir uns tatsächlich „verkaufen”. Verkaufen wir unser Talent an diesem Punkt, heißt das meistens, dass wir es nicht mehr leben, d. h. unsere spirituelle Arbeit hört hier auf.

„Ich tue das alles für dich”.

Es ist sehr wichtig, sich über eigenen Beweggründe klar zu sein. Einige Jahre Erfahrung mit dem Enneagramm oder mit Selbsterfahrung können uns helfen, unsere Motive zu erkennen, so dass wir nicht aus alter Gewohnheit handeln, sondern uns bewußt für etwas entscheiden. Etwas nur für andere zu tun, bedeutet nicht automatisch, dass es auch zum Besten aller ist.

„Ich kenne mich jetzt aus, ich kann nicht mehr auf den falschen Weg geraten.”

Wenn ich als Lehrer diesen Satz höre, weiß ich, dass etwas falsch läuft. Selbst nach Jahrzehnten spiritueller Arbeit gibt es keine Garantie dafür, dass man in die richtige Richtung weitergeht.

„Ich pack das allein.”

Niemand kann spirituell arbeiten, ohne sich selbst zu reflektieren. Wir können uns nur durch unser tagtägliches Tun erfahren, durch unsere Handlungen und durch Kontakte mit den Freunden, der Familie und der Gemeinschaft. Wir haben wahrscheinlich eine klare Vorstellung davon, wohin wir uns entwickeln – doch es ist unser tägliches Tun, das uns hilft, dies Wirklichkeit werden zu lassen und unsere Vision zu leben.

Die Rolle des Lehrers

Wir gehen meistens davon aus, dass wir von Lehrern etwas lernen können. Doch spirituelle Lehrer haben noch eine zusätzliche Aufgabe: Sie können uns zeigen, was in uns und in unserem Leben gut läuft und was nicht. Sie können uns bewußt machen, worauf wir bei uns selbst achten müssen und auf mögliche Irrwege aufmerksam machen.

Der eigene Beitrag

Auf dem Weg durch diese Zeit kann es helfen, das persönliche Engagement für uns selbst, für den Spirit und für die Gemeinschaft erneut zu bekräftigen. Es wird auch unterstützen, wenn wir die eigenen spirituellen Übungen weiter praktizieren, denn in dieser Phase brauchen wir sie am meisten. Es wird uns stabilisieren, weiter in der Gemeinschaft zu bleiben, denn unsere Mitmenschen helfen uns, auf uns selbst bezogen und ehrlich zu bleiben. Man kann in diesem Zeitraum in Versuchung geraten, vertraute Menschen und Situationen hinter sich zu lassen, doch das wirkt sich meistens nachteilig aus.

Ein Leben im Dienst der Gemeinschaft

Meine Lehrer sagten, dass sich diese spirituelle Arbeit positiv für uns auswirkt, es aber keine Belohnung dafür geben wird. Ich bin der gleichen Ansicht. Warum

sollte man sich ihr dann widmen? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Vielleicht hilft es dabei zu wissen, dass andere diesen Weg schon vorher gegangen sind und diese schwierige Zeit gemeistert haben. Manche von ihnen haben alles aufgegeben, um dies zu tun. Sie haben uns einen Weg gebahnt, dem wir folgen können. Und sie haben uns Hoffnung, Liebe und Inspiration hinterlassen.